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Security Level in IEC 62443 verständlich erklärt

Ein Security Level (SL) beschreibt in IEC 62443, gegen welche Art von Angreifer eine Zone, ein Conduit, ein System oder eine Komponente schützt. Die Skala reicht von SL 1, dem Schutz vor versehentlichen Verstößen, bis SL 4, dem Schutz vor Angreifern mit umfangreichen Ressourcen. In drei Formen beantwortet sie drei Fragen: SL-T ist das Ziel, SL-C die Fähigkeit und SL-A das Erreichte.

Zonen-Seite der Demo-Firma mit SL-Lücken je Zone und Grundanforderung und dem Netzplan mit Ziel-Security-Level
Inhalt
  1. Die vier Stufen
  2. Die drei Formen
  3. Sieben Grundanforderungen statt einer Zahl
  4. So legen Sie das SL-T fest
  5. Was eine Stufe höher bedeutet
  6. Von der Lücke zur Maßnahme
  7. Beispiel: Zone mit einer älteren Steuerung
  8. Typische Fehler
  9. Checkliste
  10. Security Level in Complass
  11. Häufige Fragen
  12. Weiterlesen

Stand:

Dieser Leitfaden erklärt die vier Stufen, die drei Formen und die sieben Grundanforderungen. Sie sehen außerdem, wie Sie ein Ziel festlegen und Lücken finden.

Die vier Stufen

Die Stufen unterscheiden sich darin, wen Sie abwehren wollen. Die Beispiele in der letzten Spalte sind unsere eigenen, erfundenen Illustrationen.

StufeSchutz gegenMittel und WissenBeispiel
SL 1Versehentliche oder zufällige VerstößeKeine AbsichtFehlbedienung am Panel
SL 2Gezielte AngriffeEinfache Mittel, wenig Ressourcen, allgemeines IT-Wissen, wenig MotivationTäter nutzt ein frei verfügbares Tool gegen einen offenen Dienst
SL 3Gezielte AngriffeAusgefeilte Mittel, mittlere Ressourcen, Wissen über Automatisierung, mittlere MotivationGruppe mit Kenntnissen zu Steuerungsprotokollen
SL 4Gezielte AngriffeWie SL 3, aber umfangreiche Ressourcen und hohe MotivationSehr gut ausgestattete Angreifer

Die Definitionen stehen in Anhang A von IEC 62443-3-2 und in IEC 62443-3-3. Nutzen Sie für die Einstufung Ihre lizenzierte Ausgabe.

Die drei Formen

  • SL-T (Target). Das Ziel für eine Zone oder ein Conduit. Es ist eine Anforderung, keine Bestandsaufnahme, und entsteht aus der Risikobewertung nach IEC 62443-3-2.
  • SL-C (Capability). Das, was ein System oder eine Komponente richtig konfiguriert leisten kann. Für Systeme beschreibt das IEC 62443-3-3, für Komponenten IEC 62443-4-2.
  • SL-A (Achieved). Das, was in der Anlage tatsächlich erreicht ist, einschließlich kompensierender Maßnahmen.

Der Unterschied zählt in jedem Projekt: Ein SL-C sagt, was möglich ist. Ob die Funktion eingeschaltet und genutzt wird, zeigt erst das SL-A.

Sieben Grundanforderungen statt einer Zahl

Ein Security Level gilt nicht pauschal. IEC 62443-3-3 ordnet Anforderungen sieben Foundational Requirements (FR) zu, und je FR kann das Ziel anders ausfallen. Die Fragen in der letzten Spalte sind unsere eigene Übersetzung in die Praxis.

FRGrundanforderungFrage für die Anlage
FR 1Identifizierung und AuthentifizierungWissen wir, wer sich anmeldet?
FR 2NutzungskontrolleDarf diese Person das tun?
FR 3SystemintegritätBleiben Programme und Daten unverändert?
FR 4VertraulichkeitSind Rezepturen und Zugangsdaten geschützt?
FR 5Eingeschränkter DatenflussLäuft nur erlaubter Verkehr zwischen Zonen?
FR 6Rechtzeitige Reaktion auf EreignisseErkennen und protokollieren wir Vorfälle?
FR 7VerfügbarkeitLäuft die Anlage auch unter Last weiter?

Für eine Steuerungszone stehen oft Integrität und Verfügbarkeit im Vordergrund, Vertraulichkeit ist häufig weniger kritisch. Ein SL-T kann deshalb als Vektor angegeben werden, zum Beispiel {2, 2, 3, 1, 3, 2, 3} für FR 1 bis FR 7.

Viele Betreiber starten pragmatisch mit einem Wert je Zone und differenzieren später.

So legen Sie das SL-T fest

IEC 62443-3-2 schreibt dafür keine bestimmte Methode vor. Ein bewährter Ablauf:

  1. Zone und Conduit bewerten. Bestimmen Sie Bedrohungen, Auswirkung und Wahrscheinlichkeit ohne Gegenmaßnahmen.
  2. Angreifer einordnen. Fragen Sie, gegen welche Art von Angreifer die Zone standhalten muss.
  3. Stufe ableiten. Nutzen Sie den Abstand zum tolerierbaren Risiko, die Definitionen der Stufen oder heben Sie die Stufe schrittweise an, bis das Risiko tolerierbar ist.
  4. Je FR prüfen. Entscheiden Sie, ob ein Wert genügt oder einzelne Grundanforderungen abweichen.
  5. Begründen und freigeben. Verweisen Sie auf die maßgeblichen Szenarien. Die Freigabe liegt beim Asset Owner.

Exponierte Bereiche wie OT-DMZ und Fernwartungs-Conduits brauchen wegen ihrer Lage oft ein höheres SL-T als die Zonen dahinter.

Netzplan der Demo-Firma mit dem Ziel-Security-Level je Zone und den offenen Lücken je Grundanforderung
Netzplan mit SL-T je Zone und den Lücken je Grundanforderung (Beispielprojekt).

Was eine Stufe höher bedeutet

Mit jeder Stufe kommen Anforderungen dazu. IEC 62443-3-3 enthält 51 Systemanforderungen (SR) und 49 Erweiterungen (Requirement Enhancements, RE), die je nach Stufe gelten. Am Beispiel der Anmeldung von Personen, SR 1.1, sieht das so aus:

StufeWas verlangt wird (in eigenen Worten)
SL 1Alle Personen werden identifiziert und authentifiziert
SL 2Jede Person wird eindeutig identifiziert, Gruppenkonten reichen nicht mehr
SL 3Zusätzlich MFA für Zugriffe über nicht vertrauenswürdige Netze
SL 4MFA in allen Netzen

Einige Systemanforderungen gelten erst ab SL 2 oder SL 3. Ein höheres Ziel ist deshalb nicht automatisch besser, sondern vor allem aufwendiger.

Von der Lücke zur Maßnahme

  1. SL-C ermitteln. Nutzen Sie Herstellerangaben, Zertifikate, Security-Handbücher und bei Altsystemen eine eigene Prüfung.
  2. Abgleichen. Vergleichen Sie je Zone und FR das SL-T mit dem Zustand der Anlage.
  3. Vorhandenes einschalten. Viele Lücken schließen Sie, indem Sie vorhandene Funktionen aktivieren, etwa persönliche Konten am Panel.
  4. Kompensieren. Kann ein System eine Anforderung nicht erfüllen, gleichen Sie das aus, zum Beispiel mit enger Firewall-Regel oder Vier-Augen-Prinzip für Programmänderungen.
  5. Ablösung planen. Halten Sie fest, wofür die Ersatzmaßnahme steht und bis wann sie gelten soll.

Beispiel: Zone mit einer älteren Steuerung

Das Beispiel ist erfunden. Eine Zone in einer Abfüllanlage hat das SL-T 2 in FR 1. Die Steuerung kennt keine Benutzerverwaltung, ihr SL-C in FR 1 bleibt unter dem Ziel.

Das Bedienpanel kann persönliche Konten, sie sind aber nicht eingerichtet.

  • Panel: Die Konten werden aktiviert. Dafür ist keine Investition nötig.
  • Steuerung: Die Zonengrenze lässt Schreibzugriffe nur von der Engineering-Station zu, Programmänderungen laufen nach dem Vier-Augen-Prinzip.
  • Plan: Die Maßnahme bleibt bis zum geplanten Austausch der Steuerung bestehen.

Typische Fehler

  • Security Level als Produktsiegel lesen. Das SL-C einer Komponente sagt nichts über das SL-A Ihrer Anlage.
  • SL-T mit dem Ist-Zustand verwechseln. Das Ziel kommt aus dem Risiko, nicht aus dem, was vorhanden ist.
  • Ein Wert ohne Blick auf die FR. Eine Zahl für alles verdeckt, wo die Lücke wirklich liegt.
  • Eine Stufe aus Gewohnheit wählen. Jede Stufe braucht eine Begründung.
  • Kompensation als Dauerzustand. Ersatzmaßnahmen brauchen einen Plan für die Ablösung.

Checkliste

  • SL 1 bis SL 4, SL-T, SL-C und SL-A sind im Team einheitlich verstanden
  • Jede Zone und jedes Conduit hat ein begründetes SL-T
  • Für wichtige Zonen ist geprüft, ob einzelne FR abweichen
  • SL-C-Angaben der Hersteller sind angefordert
  • Bestandssysteme ohne Angaben sind geprüft
  • Lücken je Zone und FR sind in einem Maßnahmenplan erfasst
  • Kompensierende Maßnahmen haben Begründung und Enddatum

Security Level in Complass

Eine Tabelle mit sieben Spalten je Zone ist schnell gebaut, bleibt aber selten aktuell. Mit gebuchtem Modul IEC 62443 führt Complass Ziel, Fähigkeit und Stand an einem Ort:

  • SL-T aus der Bewertung. In der Zonen-Bewertung schlägt das Portal ein SL-T aus der Risikoklasse vor. Sie entscheiden und übernehmen den Wert in die Zone.
  • Je Grundanforderung. Auf Wunsch legen Sie das SL-T je FR 1 bis FR 7 fest. Ohne eigene Angabe gilt der Wert der Zone für alle FR.
  • SL-C am Asset. Die Werte pflegen Sie in den Stammdaten des Assets.
  • SL-A und Lücke. Als Ausgangswert nimmt das Portal den kleinsten SL-C-Wert der Assets in Betrieb. Fehlt ein Wert, bleibt SL-A offen, und mit Begründung können Sie SL-A in der Zone übersteuern.
  • Maßnahme zur Lücke. Aus einer Lücke legen Sie direkt eine Aufgabe im Maßnahmenplan an.
  • Kataloge zu 3-3. Systemanforderungen und Erweiterungen bewerten Sie mit Status und Nachweis, die Erweiterungen filtern Sie nach Stufe. Die Umsetzungshilfe nennt Schritte, Nachweise und häufige Feststellungen.

Die Normtexte sind nicht enthalten, weil Normen urheberrechtlich geschützt sind.

Häufige Fragen

Welches Security Level brauchen wir?

Das ergibt sich aus Ihrer Risikobewertung, nicht aus einer Branchenliste. Es hängt von Auswirkung, Bedrohungen und tolerierbarem Risiko je Zone ab.

Wer legt das SL-T fest?

Der Betreiber als Asset Owner. Integratoren liefern Methodik und Vorschläge, Hersteller die Angaben zum SL-C.

Kann eine Zone ein höheres SL-A haben als ihre Komponenten?

Ja, das kann sein. Kompensierende Maßnahmen an der Zonengrenze oder organisatorische Regeln können fehlende Fähigkeiten einzelner Geräte ausgleichen. Dokumentieren Sie je Maßnahme, welche Anforderung sie ersetzt.

Was ist der Unterschied zwischen Security Level und Reifegrad?

Ein Security Level beschreibt technische Schutzwirkung. Ein Reifegrad bewertet Prozesse, zum Beispiel den Entwicklungsprozess nach IEC 62443-4-1. Ein solches Prozesszertifikat sagt allein noch nichts über das SL-C eines bestimmten Produkts.

In einer Demo zeigen wir Ihnen, wie SL-T, SL-C und SL-A in Complass zusammenkommen.

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Keine Rechtsberatung. Dieser Leitfaden gibt einen allgemeinen Überblick und ersetzt nicht die Prüfung im Einzelfall. Maßgeblich ist der Wortlaut Ihrer lizenzierten Ausgabe der Norm.